Teil 1: Von Tanger Med über Assilah bis El Jadida

Tanger Med und Assilah

Bei der Ankunft in Tanger Med (für Mediterran) empfing mich ein moderner großer Hafen. Die Abwicklung bei der Einreise ging recht zügig und professionell vonstatten: das Wohnmobil musste grob inspiziert und überprüft werden, ob ich wirklich alleine reiste, keine Waffen und Drohnen dabei hatte; gründlich war die Inspektion nicht.
So fuhr ich bald über die Autobahn gen Süden an Tanger vorbei mit dem Ziel Assilah, eine kleinere marokkanische Stadt und laut Empfehlung eines Freundes ein guter Einstieg in das Land und städtisches Leben.

Nach der Abfahrt von der Autobahn und Entrichten der Gebühr hielt ich auf dem angrenzenden Parkplatz, wo ich direkt von einem älteren Mann auf einen Schraubendreher angesprochen wurde: seine Tochter (Marokkanerin aus Köln) hatte ein Problem mit ihrem Türschloss. Ich nahm mein Werkzeug und ging zu dem Auto mit der blockierenden Tür. Während wir uns auf deutsch austauschten, öffnete ich den Türverschluss und nutzte die Gelegenheit, nach einem Campingplatz zu fragen. Sie konnten mir einen empfehlen und sicherten mir zu, dass ich einen guten Preis bekäme, wenn ich den Namen des Cousins nennen würde. Letzterer lebte unweit vom Campingplatz entfernt.
Da war schon das erste Anzeichen, dass es in Marokko viel um Preisverhandlung und Beziehungen geht. So fuhr ich in den Ort, orientierte mich und landete auf einem Wohnmobilstellplatz neben besagtem Campingplatz – und traf direkt auf den Mann, den ich in Spanien vor der Fähre kurz gesprochen hatte. Er hieß Uwe und so saßen wir mit seiner Frau Brigitte abends noch zusammen und lernten uns kennen. [Praktischer Tipp: Maroc Telecom, SIM-Karte für 30 MAD plus 10 GB für 100 MAD.]

Das Tor zum Hafen von Assila

Die Promenade führteam Meer entlang geradewegs zum Hafen und zum Stadtzentrum. Ich war schon gespannt zu erleben, was hinter dem Begriff “Medina” steckt. Nach Durchschreiten eines Tors in der Stadtmauer stand ich fast mittendrin: die Altstadt mit ihren verwinkelten Gassen und gedrängten Häusern war zwar klein, aber ich ahnte schon, dass man sich darin hervorragend verlaufen kann.

Er heiße Abdel Hafid Mustafa und er sei Künstler – so sprach mich ein Mann von der Seite an. Ob ich einige seiner Bilder sehen wolle? Musiker sei er auch. Abdel rollte ein paar seiner Bilder auf dem Boden aus. Das Papier habe er auch selbst gefertigt und es sei extrem belastbar, nahezu unverwüstlich! Ich ahnte noch nicht, welche Geschichten sich Verkäufer ausdenken können, um ihr Produkt noch attraktiver erscheinen zu lassen. Bei der Beschreibung zu dem Bild einer gleichberechtigten, selbstbewussten Frau, welches seiner Meinung nach zweifelsohne das Verständnis in der modernen Gesellschaft sein sollte, hatte er mich als emanzipiertem Zentraleuropäer sofort gewonnen. Im Hintergrund war eine Medina zu sehen. Ich nahm zusätzlich das Bild von den beiden Musikern, und weil es zwei Bilder waren, bekam ich einen Mengenaufschlag als noch nicht handelserprobter Tourist. Egal – die Bilder gefielen mir sehr, und zusätzlich hatte er vormittags schon seinen Tages- oder gar Wochenverdienst zusammen.
Später fand ich heraus, dass das Papier, auf dem Abdul die Bilder gemalt hatte, von Linsen- oder Reis-Säcken stammte…

Uwe hatte von einem wöchentlich wiederkehrendem Berbermarkt gehört, der ausgerechnet heute stattfinden sollte. Bauern aus der Bergregion kommen in den Ort und bieten Gemüse, Obst, aber auch Korb- und andere handgefertigte Waren an. Der Markt sei nicht weit entfernt – ob wir ein Auto hätten? Und so machten wir drei Marokko-Anfänger uns auf den Weg.
Nach drei bis vier Kilometern – wir hatten den Ortsrand wohl schon erreicht – kam es uns komisch vor und wir erklärten die Expedition für gescheitert und kehrten um. Allerdings gingen wir nicht in Strandnähe, sondern weiter im Landesinneren zurück. Die Bewohner der Straßen, durch die wir dann kamen, schienen sich zu wundern, weil sich sonst bestimmt nie Touristen hierher verirrten. Als wir fast wieder an unserem Ausgangspunkt ankamen, trafen wir auf eine Straße, an deren Rand links und rechts Gemüse, Obst, aber auch Korb- oder andere handgefertigte Waren angeboten wurden. Mission completed! Wir hatten den Berbermarkt doch noch gefunden.

Moulay Bousselham

Moulay Bousselham war der nächste Stop auf meiner Route gen Süden. Der Ort liegt schön an einer Lagune, der Campingplatz direkt am Wasser. Leider ist letzterer komplett eingegzäunt, sodass man nicht direkt ans Ufer gehen kann. Zum Ort selber muss man einen Hügel hinaufsteigen, um dann auf die Hauptstraße zu gelangen, die von Geschäften und Restaurants gesäumt ist. Sie mündet in einen großen Platz mit einer Moschee und einem tollen Blick auf die Lagune. Ich kam pünktlich zum Sonnenuntergang an – grandiose Stimmung. Das Städtchen ist nicht sonderlich groß und bot mir nicht so viel, sodass ich nach zwei Übernachtungen weiterfuhr.

Die Bucht von Moulay Bousselham

Rabat

Anders verhält es sich mit der Hauptstadt Rabat: dort war mein erstes Ziel ein Carrefour, da ich auch Bier kaufen wollte. Das ist in einem muslimischen Land gar nicht so einfach, aber zumindest hatte ich gelesen, dass die in Marokko ansässige französische Supermarktkette alkoholische Getränke anbot. Die Fahrt durch die Straßen der Hauptstadt war schon abenteuerlich: gedrängter und wuseliger Verkehr und viele Leute am Straßenrand; etliche, die mich und mein Wohnmobil anschauten. Ich erreichte den Carrefour, parkte und ging durch die Gänge des Supermarktes – kein Bier zu finden. Ich fragte einen Verkäufer auf rudimentärem Französisch, wo ich den „la Bierre“ finden könne. Er führte mich durch einen Vorhang und eine Tür in einen separaten Verkaufsraum voll mit Wein und Bier. Tres bien. Allerdings musste man das Gebäude dann auch durch einen separaten Ausgang verlassen – von Security-Personal bewacht. Auf einmal kam ich mir nur noch geduldet vor, nicht mehr erwünscht.

Ich steuerte einen Parkplatz am Meer unweit der Medina an. Dort angekommen wurde ich von einem Wärter eingewiesen. Ich war sehr vorsichtig, war es doch mein erster öffentlicher Parkplatz in einer größeren Stadt. Ich blieb erstmal am Rand des Platzes und schaute, wie die Wellen gegen die Felsen schlugen, das Wasser in die Höhe spritzte und versuchte abzuschätzen, ob mein Gefährt hier sicher stehen würde – oder nicht. Nach etlichen Minuten beschloss ich, mich auf den Weg in die Medina zu machen. Ich ging am Friedhof entlang den Berg hinauf und stand vor dem Tor zur Medina. Diese war in keinster Weise mit der von Assilah zu vergleichen: viel größer, viel mehr Menschen und ein Geschäft nach dem anderen. “Geschäft” darf man hier nicht europäisch verstehen; es ist ein zur Straße geöffneter Verkaufsraum. Manche kann man betreten, in andern verkauft der Verkäufer über eine Theke zur Straße hin. Ist der Eingang durch zwei gekreuzt aufgestellte Besen versperrt, so bedeutet dieses (vorübergehend) geschlossen. Ladendiebstähle dürfte es demzufolge nicht geben.

Die Medina war in Planquadraten angelegt, was die Orientierung erleichterte; das Treiben und Gewusel der vielen Menschen und das Stimmengewirr wirkten dem jedoch entgegen. Ich ahnte nicht, wie verwinkelt und wie geschäftig es noch in anderen Städten werden würde. So viele unterschiedliche Eindrücke: einfache Buden und bessere Geschäfte; kurze Straßenabschnitte, die gepflastert wurden – bezahlten es die Anrainer? Normalerweise ging man direkt über Erde und Sand. Und dann stieß ich auch erstmalig auf Souqs: in diesen teilweise überdachten Straßenzügen befanden sich ähnliche Geschäfte: in dem Textil-Souq gab es Kleidung und Schuhe, in dem Einrichtungs-Souq gab es Lampen, Stühle, Tische und Accessoires, im Metzger-Souq gab es Schafsköpfe, Vorder- und Hinterläufe, Stücke vom Rind oder auch Kamel. Im Fisch-Souq gab es Fisch. Dann kamen die Garküchen und Kioske, flankiert von Süßgebäck-Ständen. Ein netter Herr sprach mich an, eröffnete das Gespräch mit Fragen nach meiner Person und Herkunft und empfahl mir ein Restaurant; als er dann sein Angebot auf Haschisch und Sex erweiterte, wollte ich wieder etwas mehr Weitläufigkeit haben und verließ die Medina durch ein anderes Tor und wand mich der Ville Nouvelle zu.

Ich durchquerte einen Park, passierte das Theater, dem gegenüber ein neuer und noch im Bau befindlicher Gebäudekomplex lag. Mein Ziel war die protestantische Kathedrale im Art-Deco-Stil. Christliche Kirchen gibt es in einem muslimischen Land selten. Dort angekommen setzte ich mich zu einem telefonierenden Mann auf eine Bank zum verschnaufen. Als dieser sein Telefonat beendete zog er eine Zigarette aus einer Packung und fragt mich: „Do you mind if I smoke?“ Ich verneinte und es entwickelte sich ein Gespräch zwischen uns. Er sei Sohn einer Schwedin und eines Marokkaners und habe sein Leben lang in Stockholm gelebt. Sein 18-jähriger Sohn käme ihn bald wieder besuchen; er selbst musste gute 50 Jahre alt gewesen sein. Das Leben in Schweden habe er einfach nicht mehr ausgehalten; der zunehmende Kapitalismus und der abnehmende direkte zwischenmenschliche Kontakt zugunsten des virtuellen Lebens würde es ihm unerträglich machen. Daher sei er vor über 10 Jahren ausgereist und habe in Marokko schon in verschiedenen Städten gewohnt und genieße die Entspanntheit und den Zusammenhalt in der Gesellschaft.

Nach dem netten und interessanten Gespräch setzte ich meine Stadterkundungstour fort und stieß auf Le Tour Hassan. Es ist der 44 Meter hohe Turm einer Moschee und mit etlichen Säulenstümpfen das Überbleibsel einer Moschee, die 1755 von einem Erdbeben zerstört wurde. Sie gilt als Wahrzeichen der Stadt Rabat.

Die Beschreibung der Kasbah les Oudaias las sich im Reiseführer sehr spannend mit ihren Gassen und dem Andalusischen Garten. So wählte ich diesen Ort als letztes Besuchsziel in Rabat. Nachdem ich das Tor Bab Oudaias durchschritten hatte, wurde ich gleich von einigen Männern angesprochen, ich solle hier oder da langgehen, um zur Moschee und anderen Sehenswürdigkeiten zu gelangen. Mein Gefühl sagte mir, ich solle mich nicht darauf einlassen und so schritt ich unbeirrt voran. Dennoch war meine Neugierde geweckt und ich zweigte heimlich zu einem späteren Zeitpunkt in die von den Männern angedeutete Richtung und verirrte mich im Gassengewirr; die kleine Moschee war dort definitiv nicht zu finden. Also ging ich zurück zu der zentralen Gasse und wurde gleich wieder angesprochen. Schließlich erlag ich einem selbsternannten Führer, der mich zunächst zu einem Gespräch und dann in einer Besichtigung bewegte. Zugegeben hätte ich zwei der Orte selber nicht entdeckt: eine private Terrasse auf der Stadtmauer und sein Zuhause mit einer Dachterrasse, von wo aus ich Teile der Kasbah überblicken konnte; alles andere hätte ich selber erörtern können. Zwei meiner zu zaghaften Versuche, die Führung zu beenden, zerredete er durch Ankündigung von weiteren spektakulären Orten. Ja, die Gassen zwischen den zur unteren Hälfte blau getünchten Häusern waren schön, aber auch jene hätte ich in Ruhe selber gefunden und mehr genossen. Daher holte ich zu einem dritten und diesmal bestimmten Versuch aus, bedankte mich und wollte ihm 20 Dirham in die Hand drücken. Er wollte mich wieder beschwichtigen, aber ich blieb konsequent und legte die Münzen in seine Hand. Er gab sich beleidigt und sagte, er habe eine Wohnung zu bezahlen und benötige den fünffachen Betrag. Ich hielt es weder für angemessen, noch hatte ich um die Führung gebeten. Ich ignorierte seinen Einwand, gab ihm das Geld und wandte mich ab. Später fiel mir auf, dass er mich von dem Semaphore mit der spektakulären Aussicht auf das Meer und die Flussmündung abgebracht hatte – wenn es ihm wahrscheinlich auch nicht bewusst war. Das war meine erste Begegnung mit einem Faux Guide, vor dem mich der Lonely Planet schon gewarnt hatte.

Casablanca

Casablanca – welch ein Verkehr in dieser mehr als zwei Millionen Stadt, ein Kampf und Gedränge im Kreisverkehr! Ich hatte die Regeln immer noch nicht ganz verstanden, was aber auch wohl daran lag, dass – falls es welche gäbe – diese auch nicht wirklich befolgt wurden und ich daher versuchte, im Strom zu schwimmen.
Der (wahrscheinlich selbsternannte) Parkwächter winkte mich herbei und dann in eine Parklücke ein. Nicht, dass ich es nicht selbst geschafft hätte, aber darum geht es nicht: je mehr Leute irgendwie Geld verdienen, desto besser. Und schließlich würde er ja auf mein Gefährt aufpassen.

Moschee von Hassan II

Die Moschee von Hassan II. liegt direkt am Meer und an dem Morgen vollkommen im Nebel. Die Spitze des Turms war nicht zu sehen; sie verschwamm schnell in dickem Dunst.
Ich ging Richtung Medina durch eine recht ärmliche Gegend. Die kleinen Verkaufsstände und Werkstätten waren allesamt einfache, improvisierte Hütten. Ich sah wie Möbel (meist Betten und Schränke) und Matratzen gefertigt und wie Mofas und Fahrräder repariert wurden. Ich weiß nicht warum, aber ich fühlte mich unsicher.
Ich erreichte das Tor zur Medina. Die Gassen waren eng, das Treiben wuselig. Ich war eher getrieben als dass ich in Ruhe hätte schauen können. Ich erreichte einen offenen Platz, setzte und orientierte mich. In der Nähe war “Rick’s Café”, aber da der Film wohl komplett in Studios gedreht worden war und auch jenes Café erst nach dem Film eröffnet wurde (und ich zudem den Film noch nicht gesehen hatte), ließ ich das Café Café sein. Meine Erkundungstour führte mich raus aus der Medina zum Uhrenturm und auf den Platz der Vereinigten Nationen.

Ich orientierte mich und ging in Richtung des Platzes von Mohammed V. Dort staunte ich nicht schlecht über das im Bau befindliche Grand Theatre mit hochmoderner Architektur.

Auf meinem Rückweg passierte ich nochmal die Moschee, die nun vom Nebel befreit war und somit auch die tolle Lage direkt am Meer sichtbar wurde.

El Jadida

Mein nächster Stopp war El Jadida. Dieser Ort war überwiegend für seine Festung und die darin befindliche Zisterne bekannt. Pünktlich zum Beginn der Mittagspause von 12 bis 15 Uhr kam ich an dem Gebäude an, welches früher zur Wasserversorgung der Stadt gedient hat. Ich machte kurzerhand einen Spaziergang durch den neueren Teil der Stadt und besuchte den Hafen, wo Händler den Fisch von den Booten kauften und wenige Meter weiter auf dem Fischmarkt an den Endverbraucher verkauften. Es war auch noch Zeit für einen Rundgang auf der Mauer der Festung, bevor dann die Tore zur Zisterne wieder geöffnet wurden und ich hinabsteigen konnte. Es befand sich noch eine Pfütze in der Mitte des großen Raumes, in dem sich das prächtige Gewölbe spiegelte; ein dicker Lichtstrahl fiel durch eine runde Öffnung in der Decke auf die Wasseroberfläche und erzeugt eine spannende Lichtsituation in dem Raum. Man konnte die Wasserfläche umschreiten und so den Raum und die schiefe Lichtsäule von allen Seiten betrachten.